Der beinahe Pinin (der Kleine) war beim Vater des heutigen Pininfarina-Chefs als Ehrentitel gedacht. Auch das Fiat Coupé in seiner neuesten Form hat ihn sich redlich verdient. Denn Fiat bietet mit diesem Modell ein Maß an sportlichem Fahrvergnügen, wie es bei einem Coupé dieser Preisklasse keineswegs selbstvertändlich ist.

Das gerade das Fiat Coupé zu den gelungenen Entwürfen zählt, auch wenn sich dies zumindest in den bundesdeutschen Zulassungszahlen nicht so recht niederschlagen will, stand schon bei den bisher lieferbaren Versionen mit Vierzylindermotoreb außer Zweifel.

Die geballte Ladung - der Ausdruck der Abgasturbine liegt 50 Prozent höher als bei einem Porsche Turbo - steigert die Leistung dieses Triebwerks, das es als Sauger im Fiat Bravo nur auf 147PS bringt, auf stattliche 220PS. Exessive Drehzahlen sind dafür nicht notwendig. Die Höchstleistung liegt bereits bei 5750 Umdrehungen pro Minute an.

Typisch für Turbomotoren auch das gewaltige Drehmoment schon im unteren Drehzahlbereich: 2500/min genügen dem Fünfzylinder, um 310 Newtonmeter auf sein Kurbelwelle zu stemmen - fast soviel, wie der 3,5 Liter-V8 von BMW bei 3300/min schafft (320 Newtonmeter).

Solche Vergleiche zwischen Turbos uns Saugern haben allerdings einen Haken. Leistung und Drehmoment werden auf dem Prüfstand bei konstanten Drehzahlen ermittelt - und auch der bestabgestimmte Turbo benötigt eine gewisse ansprechzeit, die das subjektive Leistungsempfinden beeinträchtigen kann. Ziel der Turboentwicklung ist deshalb generell, dieses sogenannte Turboloch auf ein Minimum zu reduzieren.

Mittlerweile kann von drei verschiedenen Turbogenerationen gesprochen werden. Die erste war bei niedrigen Drehzahlen schlapp und bei hohen bärenstark. Die zweite bemühte sich mit Erfolg, in der Leistungsentfaltung wie ein weit hubraumgrößerer Sauger zu wirken. Und die dritte ? Die tritt schon untenherum kräftig an und legt beim Erreichen des vollen Ladedrucks noch einmal gewaltig zu. Pinin Ferrari

Neue Turbokraft verleiht dem Fiat Coupé das Flair eines kleinen Ferrari. Der Fünfzylindermotor bringt es auf 220PS und verhilft dem von Pininfarina entworfenen Fronttriebler zu den Fahrleistungen eines reinrassigen Sportwagens.

AMS 5/1997

Zu dieser Sorte gehört der neue Fiat-Motor. Er läßt niemal einen Zweifel daran aufkommen, daß er künstlich beatmet wird. Unter Druck schiebt er das Coupé wie eine unsichtbare Riesenfaust voran, wenn es sein muß bis zu der schon nach kurzer Zeit erreichten Spitzengeschwindigkeit von 250km/h.

Aber auch die Durchzugskraft bei geringen Drehzahlen ist gut, sich verblaßt nur gegenüber dem, was geboten wird, wenn die Nadel des Drehzahlmessers einmal die 3000/min Marke überschritten hat. Ein typischer Turbo also immer noch, was man in diesem Fall allerdings nicht als Nachteil, sondern als willkommenen Beitrag zur Steigerung des Leistungsvergnügens sehen sollte, zumal das eng gestufte und exakt schaltbare Fünfganggetriebe es leicht macht, den Fünfzylinder immer im kraftfollen Drehzahlbereich zu halten. Der Verbrauch schnellt dann freilich auch in die Höhe, womit der Fiat wieder einmal beweist, daß Sparwunder von einem aufgeladenen Triebwerk nicht erwartet werden dürfen.

Dafür ist die Beschleunigung gewaltig: Von null auf 100 km/h benötigte der Testwagen 6,2 Sekunden - nur eine Zehntelsekunde mehr, als auto motor und sport in den siebziger Jahren für den wohl berühmtesten Zwölfzylinder-Rerrari, den 365 GTB4 Daytona, ermittelt hatte.

Einen Schuß Ferrari-Feeling vermittelt auch der Sound des Fiat-Motors. Nicht daß er tönte wie ein V12, aber nur fünf Zylinder bieten affensichtlich ebenfalls die Möglichkeit zur Komposition eines Ansaug- und Auspuffgeräuschs, wie man es von einem italienischen Sportwagen erwartet.

Das Soundspektrum des Turbomotors reicht von tiefem Grollen bis zu hellem Fauchen im oberen Drehzahlbereich. Es wird niemals lästig laut, sondern ist eine treffliche Untermalung der gebotenen Leistungsexplosion. Weil das Fiat-Triebwerk über eine Ausgleichswelle verfügt, geht das Ganze mit einer vibrationsfreien Laufkultur einher, die der eines Reihensechszylinders kaum nachsteht.

Soviel Kraft und Fronttrieb, daß läßt zunächst einmal das Schlimmste befürchten. Aber auch hier liefert der Fiat eine Überraschung. Solange die Straße trocken ist, bringt er seine Leistung gut auf den Boden. Störmomente allerdings, Längsrillen beispielsweise oder Lenkmanöver, beeinträchtigen den Geradeauslauf bei voller Beschleunigung. In diesem Fall sollte der Fahrer das Lenkrad gut festhalten, obwohl der Ladedruck im ersten und zweiten Gang begrenzt wird, um zu starkes durchdrehen der Antriebsräder zu vermeiden.

Diese Symptome verstärken sich naturgemäß bei Nässe, ohne jedoch die Fahrsicherheit ernsthaft zu beeinträchtigen. Wer in einer Kurve soviel Gas gibt, daß die Traktion der Vorderräder überfordert ist, ruft spürbares Untersteuern und damit eine entsprechende Vergrößerung des Kurvenradius hervor. Gaswegnehmen genügt zur Korrektur, das Coupé dreht dann sofort ein und kehrt problemlos auf die geplante Linie zurück.

Die Antriebseinflüsse in der Lenkung bleiben gering, was der Handlichkeit des Coupés zugute kommt. Die möglichen Kurvengeschwindigkeiten liegen bei nahezu neutralem Eigenlenkverhalten sehr hoch. Den Frontantrieb werden bei einem so sportlichen Auto allenfalls jene Altvorderen zu bemängeln haben, die vergessen, daß die junge Generation von Autofahrern mit angetriebenen Vorderrädern groß geworden ist.

Nicht zuletzt unterstreichen auch die sehr wirksamen Bremsen, die extreme Beanspruchung mit sogar noch steigender Verzögerung beantworten, die hohe aktive Fahrsicherheit des schnellsten Fiat-Modells.

Für die gekonnte Abstimmung des Fahrwerks spricht schließlich, daß die sportlichen Fahreigenschaften nicht mit einer unangenehmem harten Federung erkauft wurden. Das Coupé ist straff gefedert, aber es teilt auch auf sehr schlechten Straßen keine Stöße mit hoher Beschleunigung aus. Nur der holprige Abrollkomfort bei geringen Geschwindigkeiten macht deutlich, daß Fahrwerkskonstukteure mit Kompromissen leben müssen.

Mit soviel Dampf für knapp 50 000 Mark steht das neue Coupé jedenfalls so einzigartig in der Autolandschaft, wie es schon seine ungewöhnliche Form verspricht.

Götz Leyrer